Andreas Reddig

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Andreas Reddig
Beim Familienfest auf der Marktweide im August traf ich auch Andreas Reddig. Er selbst weiß das gar nicht, aber fast jedes Mal wenn ich ihn sehe, bin ich froh und auch ein bisschen stolz, hier in Osterholz-Scharmbeck zu leben. Um das zu erläutern, muss ich mal ein bisschen ausholen:

Vor einigen Jahren hatte ich mich erstmals bei OHZ-räumt-auf beteiligt. Nach getaner Sammelarbeit sah ich beim Eintreffen an der Soccer-Halle grad‘ noch, wie mehrere Jugendliche und jüngere Erwachsene ausländischer Herkunft in einen Polizei-VW-Bus stiegen und abtransportiert wurden. Was aus der Entfernung zunächst wie eine Gruppen-Verhaftung wirkte, entpuppte sich wenig später als konzertierte Catering-Maßnahme: Beamte des hiesigen Kommissariats unterhielten einen Shuttle-Service für Bewohner der Drosselstraße, die sich bei der Verköstigung der freiwilligen Müllsammler engagierten. Und mitten unter ihnen war eben Andreas Reddig, der jeden dort zu kennen schien und dem die Kids der Drosselstraße am Rockzipfel der Uniform hingen.

Ich fand das sehr bemerkenswert und habe dann ein wenig recherchiert, wie diese für mich ungewöhnliche Kooperation zu Stande kam: Das Wohngebiet rund um die Drosselstraße war in den 1970er-Jahren für hier stationierte US-Soldaten und ihre Familien entstanden. Nach Abzug der US-Truppen 1992 zogen dort insbesondere Flüchtlingsfamilien aus der Türkei, dem Libanon und Syrien ein. Spätestens seit 2003 wurde das „Quartier Drosselstraße“ über die Stadtgrenzen hinaus als sozialer Brennpunkt wahrgenommen. Gewaltverbrechen, Drogen- und Beschaffungskriminalität hatten deutlich zugenommen und Konflikte mit Polizei, kommunalen Behörden und auch unter den den Bewohnern häuften sich.

Als Reaktion darauf beschloss der Stadtrat im Dezember 2007 die Einrichtung des behörden- und ressortübergreifenden Präventionsrates gegen Gewalt und Kriminalität. Unter Vorsitz des Bürgermeisters sind dort die Stadt Osterholz-Scharmbeck, die städtische Integrationsstelle, der Landkreis, das Polizeikommissariat Osterholz, das Amtsgericht Osterholz-Scharmbeck und die Staatsanwaltschaft Verden vertreten. So gelang es, ein Bündel an städtebaulichen, sozialen und polizeilichen Maßnahmen zu schnüren, die 2010 in dem Projekt „Vielfalt ist spannungsreich – und voll positiver Kraft!“ mündeten, gefördert vom Europäischen Integrationsfonds (EIF) und dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und begleitet vom Forum Ziviler Friedensdienst (forumZFD). Bei Projektabschluss 2014 waren sich die Akteure einig, dass Konflikte und Probleme entschärft und die Situation in der Drosselstraße normalisiert werden konnte. Das forumZFD sieht das ermutigende Beispiel der Stadt Osterholz-Scharmbeck in ganz Niedersachsen und darüber hinaus anerkannt und diskutiert.

„Die Polizei spielt heute im Quartier eine ganz andere Rolle als noch vor vier Jahren: sie wird als Antreiberin bei der Integration wahrgenommen“, so der damalige Leiter des Osterholzer Kommissariats Wilfried Grieme. Mir ist bei meinen Recherchen ein Licht aufgegangen. Ich fühle mich viel wohler und auch sicherer, wenn ich die Zwerge ausländischer Herkunft am Rockzipfel von Polizisten wie Andreas Reddig hängen sehe, als wenn an jeder Ecke Kollegen von ihm mit Maschinenpistolen und kugelsicheren Westen stehen. Dir und deinen Kollegen dafür ganz herzlichen Dank, Andreas!

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