Bahnhofstr.

Die Bahnhofstraße in Osterholz-Scharmbeck wird nicht nur von dem Historiker Ernstheinrich Meyer-Stiens als Heimliche Hauptstraße der Stadt angesehen. Auf vielfältige Weise spiegelt sie die Geschichte der beiden Flecken Osterholz und Scharmbeck sowie der Stadt Osterholz-Scharmbeck wieder. An ihr liegen oder lagen viele der schönsten Villen der Stadt, mehrere der ältesten Hofstellen, einige der zu ihrer Zeit bedeutsamsten Wirtschaftsunternehmen (u. a. Maurermeister Johann Steeneck, Zigarrenfabrik Zülch, Osterholzer Reiswerke, Fa. Meyerhoff, Kaufhaus Reuter, Kreissparkasse) sowie Rathaus, Kaiserliches Postamt, Finanzamt, Bahnhofshotel und vieles mehr.

Ursprung

Skizze historische Bahnhofstr.
Skizze um 1862: Korenweg (heute Bahnhofstr.) zwischen Heidkamp/Hafen (li.) und heutigem Rathaus (re.)

Als die Eisenbahnstrecke Bremen-Geestemünde (=Bremerhaven) 1862 in Betrieb genommen wurde, lag der neue Bahnhof noch auf freiem Feld zwischen den Flecken Osterholz und Scharmbeck. Er war von beiden Ortschaften zunächst nur über den sandigen „Korenweg“ (=Karrenweg) zu erreichen, den Fuhrleute zwischen Scharmbeck und dem Osterholzer Hafen nutzten. 1865 wurde die Verbindung zwischen der Scharmbecker Loge und dem Bahnhof gepflastert und wenig später Bahnhofstraße benannt. Die vorherigen Straßennamen sind nicht zweifelsfrei zu recherchieren: während der Abschnitt von der „AOK-Kreuzung“ (heute Bördestr./Bahnhofstr.) bis zum Denkmal (heute Bahnhofstr./Lindenstr.) einheitlich „Korenweg“ genannt wurde, scheinen für den Teil vom Denkmal bis zur Loge (heute Loger Str./Bahnhofstr.) sowohl „Scharmbecker Chaussee“ als auch „Chausseestraße“ und zwischen Denkmal und der Kreuzung Lange Str./Bahnhofstr. auch „Im weißen Sande“ gebräuchlich gewesen zu sein.

Im Juni 1901 wurde auf Beschluss des Scharmbecker Magistrats mit dem Bau eines 1.5 m breiten Trottoirs begonnen. Die Arbeit übernahmen Steinsetzmeister Dohrmann aus Freißenbüttel und vom Denkmal bis zum Bahnhof Maurermeister Gottfried Stehnke. 1902 wurde die Bahnhofstraße mit Lindenbäumen bepflanzt. Quelle: R. Menkhoff: Chronik von Osterholz-Scharmbeck Band 1 Die Linden wurden 1954 wegen der Kanalisation und des Verkehrsflusses gefällt, was vom damaligen Stadtdirektor Heinrich Horstmann später bedauert wurde. Quelle: E. Meyer-Stiens: Heimliche Hauptstraße, Verl. Saade, 2000 Die erste Ampelanlage Osterholz-Scharmbecks wurde 1974 am Anfang der Bahnhofstraße („AOK-Kreuzung“) installiert. (Quelle: Chronik von Osterholz-Scharmbeck Bd. II, R. Meenkhoff, 2009)

Rund um den Bahnhof

Bahnhofstraße um 1900: Kaiserliches Postamt, Bahnhofshotel und Bahnschranke sowie (ganz re.) Reiswerke
In Bahnhofsnähe wandelte sich die Bahnhofstraße im Laufe ihrer Geschichte zunächst vom sandigen Karrenweg zum unbestrittenen Zentrum der Kreisstadt.

Bis in die 1970er-Jahre konzentrierte sich hier ein Großteil der Wirtschaftskraft: Kaiserliches Postamt seit 1862, Frerichs-Werke ab 1865, private Rektorschule (später Mittelschule) ab 1869, Bahnhofshotel seit den 1870er-Jahren, die Osterholzer Reiswerke ab 1885, Manufakturgeschäft Ehlen ab 1893 (später 1898-1934 Fa. Cohen und 1934 bis in die 1970er-Jahre Fa. Meyerhoff), Osterholz-Scharmbecker Bank (später Kreissparkasse) seit 1908 sowie Kaufhaus Reuter ab 1927.

In den 1970er-Jahren wandelte sich die Situation rund um den Bahnhof nachhaltig. Die Fa. Meyerhoff zog nach Buschhausen, die Reiswerke stellten ihren Betrieb ein und wurden abgerissen.

Bahnhofstraße 2010: Rumpelstilzchen, Kreisarchiv/Stadtbücherei und
ehem. Kaufhaus Reuter
1982 schließlich verschwand der Bahnübergang nach Einweihung der nordöstlich gelegenen Unterführung, so dass die Bahnhofstraße zur „beidseitigen Sackgasse“ wurde. Auch der Neubau des Geschäftshauses Bahnhofstraße 30 auf dem Gelände der Reiswerke 1982 und des in der Nachbarschaft 1983 fertiggestellten Finanzamtes konnten nicht darüber weg täuschen, das die Bahnhofsumgebung ihren früheren Glanz verloren hatte.

1998 wurde der Teil der Bahnhofstr. zwischen Denkmal und Kreissparkasse mit neuem Pflaster, Seitenstreifen und Bäumen versehen und im Oktober feierlich eingeweiht. (Quelle: Chronik von Osterholz-Scharmbeck Bd. II, R. Meenkhoff, 2009)

Vom Denkmal zur Loge

Das Denkmal (Kriegerdenkmal für die Gefallenen des deutsch-französischen Krieges) entstand 1872 noch auf damals freiem Feld zwischen Scharmbeck und dem Bahnhof. 1887 verlegte Johann Bernhard Reemtsma, Begründer der Reemtsma-Dynastie, seine Zigarrenfabrik in das Haus von Johann Steeneck, des größten Bauunternehmers am Ort und Erbauer u. a. der Menckeschule und der Mittelschule in den 1860er-Jahren. Steeneck kaufte der Gemeinde Osterholz 1887 die weitgehend ausgeschöpfte Sandkuhle „Weißer Sand“ ab, die im heutigen Verlauf der Bahnhofstraße zwischen Denkmal und „Am weißen Sande“ (damals Passweg) lag. Er planierte das Gelände und verkaufte eine ganze Reihe von Grundstücken, u. a. 1888 für die Zigarrenfabrik Zülch und 1897 für die Privatvilla von Reemtsmas Schwager, dem Zigarrenfabrikanten Hermann Zülch.

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