Corona-Faktencheck: Contact-Tracing in Japan

Japan soll das neue Schlaraffenland für Corona-Strategen im Kampf gegen die „2. Welle“ sein, die angesichts langsam steigender Zahlen zu drohen scheint. Anfang August meldete sich der von mir hochgeschätzte Charité-Virologe Drosten mit einem Gast-Kommentar bei Zeit-online aus dem Urlaub zurück, der solches nahezulegen scheint.

Es hilft ein Blick nach Japan. … Statt viel und ungezielt zu testen, hat Japan früh darauf gesetzt, Übertragungscluster zu unterbinden. … Die gezielte Eindämmung von Clustern ist anscheinend wichtiger als das Auffinden von Einzelfällen durch breite Testung.

Ich plädiere nun dafür, im Fall der Überlastung nur (oder zumindest vor allem) dann mit behördlichen Maßnahmen auf einen positiven Test zu reagieren, wenn er von einem möglichen Clustermitglied stammt. Die vielen Tests, die die Politik derzeit vorbereitet, werden bald öfter positiv ausfallen und die Gesundheitsämter dann überfordern – schließlich kann man das Virus ja nicht wegtesten, man muss auf positive Tests auch reagieren.

Hier gilt: Der Blick zurück ist wichtiger als der Blick nach vorn. Denn Infektionsfälle werden meist erst mehrere Tage nach dem Auftreten von Symptomen erkannt. Das Gesundheitsamt muss zurückblicken: War der Patient in einem Großraumbüro tätig, feierte er mit Verwandten, während er wirklich infektiös war, also etwa seit Tag zwei vor Symptombeginn? Noch wichtiger: Wo könnte sich der Patient eine Woche vor dem Auftreten der Symptome infiziert haben – könnte das in einem Cluster geschehen sein? Jeder Bürger sollte in diesem Winter ein Kontakt-Tagebuch führen.
(Quelle: Drosten C: Zweite Corona-Welle: Ein Plan für den Herbst. Zeit online 5.8.2020)

Hier aber irrt Drosten. Oder besser gesagt: seine Thesen stammen vermutlich aus einer Zeit (Anfang Juli in seinem Urlaub vielleicht?), als man solches noch annehmen durfte. Mittlerweile zeigen die Zahlen unmissverständlich, das ein Re-Make der Japan-Strategie kein wirklich toller Plan ist:

Corona-Tests Japan
Tgl. Fallzahl positiver SARS-Cov2-Tests in Japan
(Quelle: worldometers.info 09.08.2020)
Corona-Tests Deutschland
Tgl. Fallzahl positiver SARS-Cov2-Tests in Deutschland
(Quelle: worldometers.info 09.08.2020)

Ist mir ein Rätsel, wie man dann sowas Anfang August noch publizieren mochte …

Wissenswertes zur eigenen Meinungsbildung

Japan hat ca. 126 Mio Einw. und 469 „local public health centres“ mit mehr als 25.000 Beschäftigten. (Quelle: Saito T: Contact-tracing and peer pressure: how Japan has controlled coronavirus The Guardian 06.06.2020) Anfang August lag die Test-Häufigkeit lt. worldometers.info bei 7.790 Tests pro 1 Mio Einw..

Deutschland hat ca. 84 Mio. Einw. und knapp 400 Gesundheitsämter mit ca. 17.000 Beschäftigten, davon ca. 2.500 Ärztinnen oder Ärzte). (Quelle: BVÖGD abgerufen 09.08.2020) Die Test-Häufigkeit lag Anfang August lt. worldometers.info bei 102.500 Tests/1 Mio Einw.

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