Familie Ratusch

Wohnhaus Anna Ratusch
Sandbergstr. 15 in Osterholz-Scharmbeck heute
Anna (Chana) Ratusch (geb. 1892 in Polen, gest. 24.09.1938 in Bremen) wohnte mit ihrer Familie viele Jahre in Osterholz-Scharmbeck in der Sandbergstraße 15 (früher Nr. 281). Sie wurde im Nationalsozialismus in den Freitod getrieben, ihrem Ehemann Leon Ratusch (geb. 7.7.1891) und ihren drei Kindern Sonja („Sara“, geb. 1926), Jacob („Jack“, geb. 16.9.1927) und Erika Ratusch Link (geb. 1930) gelang die Flucht in die USA.

Anna und Leon stammten beide aus Polen und heirateten 1925 in Bremen. Sie zogen nach Osterholz-Scharmbeck, wo sie in der Sandbergstraße ein Haus erwarben. Hier sind zwischen 1926 und 1930 ihre drei Kinder Sonja, Jacob und Erika geboren.

Im Nationalsozialismus

Seit 1934 wurde überall im Deutschen Reich die Ausgrenzung jüdischer Mitbürger drastisch intensiviert. Inhaber und Kunden jüdischer Geschäfte wurden beschimpft, Boykottposten vor den Läden aufgestellt, Schaufenster beschmiert und eingeworfen und Kunden beim Betreten oder Verlassen der Geschäfte fotografiert und mit Namen und Anschrift in den „Stürmerkästen“ veröffentlicht. Bereits 1935 verweigerten viele „christliche” Geschäftsleute auch in Osterholz-Scharmbeck ihren jüdischen Mitbürgern den Verkauf von Dingen des täglichen Bedarfs.

Juden sind hier unerwünscht
Ein nachahmenswertes Beispiel hat jetzt unsere Kreishauptstadt Osterholz-Scharmbeck gegeben: Seit einigen Tagen sind in sämtlichen Geschäften und Handwerksbetrieben, bis auf eine unrühmliche Ausnahme, Schilder sichtbar angebracht, die die Aufschrift tragen: Juden sind hier unerwünscht. Einige wenige Geschäftsleute und Handwerker, die bisher ‚Bedenken‘ hatten, das Plakat auszuhängen, haben sich zuletzt doch noch eines Besseren besonnen … Erfreulich ist der Gemeinschaftsgedanke … Wer beim Juden kauft, ist ein Volksverräter!
Quelle: Osterholzer Kreisblatt vom 21.8.1935, zitiert nach Menkhoff

Sonja, Jacob und Erika gehörten 1938 zu den letzten sechs Kindern, die noch die jüdische Religionsschule in der Synagoge besuchten. (Quelle: Schröder et al., Obenaus, Geburtsregister Osterholz-Scharmbeck und Löwenstein’sche Schulchronik)

Flucht

Leon Ratusch gelang 1938 die Emigration in die USA, wo er sich um Einreisegenehmigungen auch für den Rest der Familie bemühte. Anna jedoch nahm sich im Alter von 45 Jahren, acht Tage nach dem 11. Geburtstag ihres Sohnes, in der Lesum das Leben. Sie sollte ohne ihre Kinder nach Polen abgeschoben werden und glaubte wohl nicht mehr an eine Ausreise in die USA.

Die Kinder wurden nach Annas Tod von Verwandten in Bremen aufgenommen, Rebecka und Samuel Fuchs (Quelle: pers. Mitteilung Erika Ratusch Link). Die beiden betrieben in der Vegesacker Str. 41 in Walle einen Kurzwaren- und Seifenhandel (Quelle: Weserkurier 14.11.2013). Sie kümmerten sich liebevoll um die Kinder, sorgten für Annas Bestattung auf dem jüdischen Friedhof in Bremen-Hastedt (Grabstein) und halfen Leon beim Verkauf des Hauses in der Sandbergstraße. Dieser konnte im Dezember 1938 durch einen New Yorker Rechtsanwalt über das deutsche Generalkonsulat noch abgewickelt werden.

Auch bei der Ausreise von Sonja, Jacob und Erika im März 1939 mit der SS President Roosevelt von Hamburg zu ihrem Vater in die USA waren die Fuchs behilflich. Sie selbst wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert und 1943 in Auschwitz ermordet.

Fuchs, Samuel
geboren am 21. Februar 1879 in Tarnopol/Galizien
wohnhaft in Bremen

Deportation ab Hannover:
23. Juli 1942, Theresienstadt, Ghetto
06. September 1943, Auschwitz, Konzentrations-und Vernichtungslager

Fuchs, Rebeka Rebecka Rifka Rahel
geborene Birnberg, geboren am 02. Januar 1879 in Tarnopol/Galizien
wohnhaft in Bremen

Deportation ab Hannover:
23. Juli 1942, Theresienstadt, Ghetto
06. September 1943, Auschwitz, Konzentrations-und Vernichtungslager

Quelle: Gedenkbuch (Bundesarchiv)

Nach 1945

Leon Ratusch war in den USA in der Bekleidungsbranche tätig und lebte in Brooklyn, New York. Er starb im November 1968 im Alter von 77 Jahren.

Jacob Ratusch nannte sich in den USA Jack. Im November 1945, kurz nach Kriegsende, ging er mit gerade 18 Jahren zum Militär (Service Number 42 261 135). Als Soldat der amerikanischen Besatzungstruppen war er auch in Osterholz-Scharmbeck als Interviewer und Übersetzer tätig (Quelle: pers. Mitteilung Erika Ratusch Link). Später arbeitete er in New York ebenso wie sein Vater viele Jahre in in der Bekleidungsbranche. Neben anderen wurde er 2009 in einem Dokumentarfilm („Dressing America”) über den New Yorker Fashion District („Garment Center”) porträtiert. Er wurde 91 Jahre alt und lebte bis zu seinem Tod im November 2017 in seiner Wohnung in der Park Avenue 799. Er blieb praktizierender Jude und war bis zuletzt Präsident der Garment Center Congregation Synagogue am Broadway in Midtown Manhattan (Quelle: The Jewish Press 14.1.2011).

Erika Ratusch Link stieß im Juli 2018 zusammen mit ihrem Sohn John auf die Artikel über das Mahnmal in der Bahnhofstraße und Ilse Schröder hier auf teufelsmoor.eu. Nach einem regen E-Mail-Wechsel über den Atlantik führte dieser Kontakt ihren Sohn John und Schwiegertochter Cheryl Link auf einer Deutschlandreise im September 2018 auch nach Osterholz-Scharmbeck. Ilse Schröder, Mitautorin von „Jüdische Bürgerinnen und Bürger in Osterholz-Scharmbeck”, besuchte mit Ihnen das Geburtshaus der Mutter in der Sandbergstraße und gemeinsam mit Bürgermeister Torsten Rohde auch das Mahnmal. Anlässlich eines Empfangs beim Bürgermeister übermittelten die Links eine Videobotschaft ihrer Mutter und konnten ihr im Gegenzug eine Kopie ihrer Eintragung im Geburtregister der Stadt aus dem Jahr 1930 mit nach Hause nehmen (vgl. Artikel im Hamme-Report und im Osterholzer Kreisblatt).

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